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Aktuelles

Philippe Ludwig, Leiter des „Koordinierungs-Zentrums Bürgerschaftliches Engagement“ des Landkreises München, will mit dem AKTIVSENIOREN BAYERN e.V. ein ambitioniertes Pilotprojekt zur Beratung gemeinnützig tätiger Vereine starten. Im Interview geht er ins Detail.

Welchen Beitrag leisten gemeinnützig tätige Vereine für unsere Gesellschaft und die regionale Sozialpolitik?
Ludwig:
Der Beitrag gemeinnütziger Vereine für den gesamt-gesellschaftlichen Zusammenhalt und auch für die Teilhabe bei der Mitgestaltung durch die Bürger kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Bürgerschaftliches Engagement ist für mich der Gemeinwohl-Produzent Nummer 1.

Die Bedeutung ehrenamtlichen Engagements wird also weiter zunehmen?
Unbedingt, ganz klar. Der Staat kann einfach nicht die Kapazitäten für alle Eventualitäten vorhalten, insofern wird der Bedarf an Lösungen außerhalb klassischer Strukturen – nicht nur im sozialen Bereich – zunehmen. Hier ist Unterstützung in Form von Förderung und Qualifizierung gefragt. Wo der gesellschaftspolitische Bedarf besonders evident ist, heißt es: Chancen ermöglichen, Projekte anschieben, Ideen befördern.

Welche Herausforderungen werden auf die Ehrenamtlichen hier in den nächsten Jahren zukommen? Viele Vereine haben mit Herausforderungen kaum Probleme, aber bei anderen kommt mitunter alles zusammen: Ungelöste Nachfolge-Fragen, veraltete Organisationsstrukturen, Defizite im IT-Bereich, Mangel an tatsächlich aktiven Mitgliedern, kein Fördergeld usw. Es gibt einen Wandel des Engagements allgemein, den führe ich auf gesellschaftliche Veränderungsprozesse zurück. Wir haben tendenziell mehr engagierte Menschen in der Gesellschaft, aber ein rückläufiges Engagement unter anderem im Sozialbereich. Festzustellen ist eine stärkere Individualisierung und der Wunsch nach mehr Flexibilität.

Stichwort Digitalisierung...
...ein Großteil der Kommunikation findet im digitalen Raum statt, das stellt die älteren Vereine schon vor anspruchsvolle Hausaufgaben. Flexible Arbeitszeitmodelle kollidieren mit den Terminen für Vorstandssitzungen, Eltern fehlen wegen der Kindererziehung oder Betreuungsleistungen im familiären Bereich usw. Andrerseits gibt es den Wunsch nach mehr Partizipation und Verantwortung, was sich dann wieder mit hierarchischen Strukturen beißen kann. Heute setzt man sich mit den Menschen, die sich engagieren wollen, hin und eruiert, wo deren Stärken liegen, für was und wo sie sich einbringen wollen. Aus diesem Ansatz entstehen dann oft `soziale Innovationen`.

Und dabei könnten die Aktivsenioren mitwirken?
Was mir am Modell der Aktivsenioren so gut gefällt, ist das `skills-based volunteering`, also die Fähigkeit, sich an den Stärken und Qualitäten der Leute zu orientieren und nicht nur am gesellschaftlichen Bedarf. Dann kann man dieses Wissen und diese Erfahrungen ganz gezielt sozialen Einrichtungen – wie bei unserem Pilotprojekt einer Arbeitsgemeinschaft der Nachbarschaftshilfen – zugute kommen lassen. Es ist absehbar, dass der Sozialstaat sich eher zurückzieht und dass uns aufgrund der demographischen Entwicklung viele Fachkräfte fehlen werden. Da liegt es doch nahe, das Wissen der Älteren in die Gesellschaft einfließen zu lassen und das geht eben am besten über das Ehrenamt. Zeitlich befristet, klar abgegrenzt, aber sehr effektiv.

Welche weiteren Faktoren spielen bei diesem Projekt eine Rolle?
Wir schlagen gewissermaßen zwei Fliegen mit eine Klappe. Da ist zum einem die Nutzung von Kompetenz und Erfahrung der unternehmerisch geprägten Aktivsenioren für einen guten Zweck, anderseits profitieren die Partner vom Knowhow-Transfer durch Teilhabe am gemeinnützigen Mehrwert und Zugewinn an eigener geistiger Fitness. Diese beiden Aspekte miteinander zu verbinden, macht einen wesentlichen Charme unseres Projektes aus. Auch eine Erhöhung der Frauenquote haben wir dabei im Fokus.

Auf welche Punkte werden die Aktivsenioren bei Ihrem Projekt sonst noch achten müssen?
Bei der betriebswirtschaftlichen Schulung und Organisationsentwicklung von sozialen Einrichtungen betreten wir im Landkreis München mit unserem Konzept gewissermaßen Neuland. Die vom Ehrenamt geprägten und gemeinnützigen Vereine sind ja keineswegs schlecht gemanagt, aber es gibt auch hier – wie fast überall – noch Luft nach oben. Diese Potentiale wollen wir mit dem Pilotprojekt für Nachbarschaftshilfen nachhaltig und zukunftsfähig erschließen. Quasi vom Ehrenamt fürs Ehrenamt. Die Leute lernen gerne, aber sie wollen nicht nach Schema F belehrt werden. Die Chemie muss stimmen. Ob es Erfolg hat, werden wir freilich erst in einigen Jahren sehen.